Die Auswirkungen des Lockdowns auf schulpflichtige Kinder haben vor allem engagierte Lehrkräfte & Eltern aufgefangen. Darauf können wir uns nicht ausruhen! Damit sich ein solches Desaster nicht wiederholt, brauchen wir jetzt endlich eine Digitaloffensive für die Schulen!

 

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren!

Vor einigen Wochen ist die Schule wieder losgegangen, und kein anderes Thema beherrscht die Gespräche an Elternabenden, wenn man Kinder zur Schule bringt oder abholt, mehr, als die Sorge, wie es bei einem erneuten Lockdown eigentlich mit dem digitalen Lernen weitergeht. Sie – die Eltern, die Kinder, die Lehrerinnen und Lehrer – sind es, die sich alleingelassen fühlen. Wir haben gesehen, dass im März das System Schule in Berlin krachend zusammengebrochen ist. Damals war es der persönliche Einsatz engagierter Lehrkräfte und nervenstarker Eltern, die trotz aller Widrigkeiten dafür gesorgt haben, dass die Kinder nicht noch mehr Lernstoff verpassen.

Und heute? – Heute liegt es an uns, dafür zu sorgen, dass sich ein solches Desaster nicht wiederholen kann – nie wieder. Nie wieder dürfen die Schülerinnen und Schüler die Leidtragenden verpasster Investitionen in die Digitalisierung sein. Schauen wir uns die Situation an den Berliner Schulen an: Von den 776 Berliner allgemeinbildenden Schulen sind 99 noch gar nicht ans Netz angebunden. Nur die Hälfte aller beruflichen Schulen haben schnelles Internet. Für die allgemeinbildenden Schulen sind Glasfaseranschlüsse noch nicht einmal ausgeschrieben. Aber ohne schnelles Internet, ist hybrides Lernen gar nicht möglich.

Nach etlichen Monaten des Lockdowns wurden zwar 9 500 Tablets an bedürftige Schülerinnen und Schüler ausgegeben, aber das kann erst ein Anfang sein. Geld für diese Infrastruktur ist aus dem Digitalpakt Schule eigentlich da, aber sie kommt nicht an. Von den 257 Millionen Euro, die Berlin zur Verfügung stehen, wurden erst 7 Millionen vom Senat bewilligt. Eine Anfrage meiner Kollegin Katja Suding im Deutschen Bundestag ergab: Tatsächlich ist nach Berlin noch kein einziger Cent geflossen. Der Senat verhungert vor vollen Töpfen. Was für ein Armutszeugnis!

Wir brauchen aber mehr als Glasfaser und WLAN. Wir brauchen einen Dreiklang: neben der genannten Infrastruktur zweitens Ausstattung und drittens Qualifizierung. Es kann nicht sein, dass Lehrerinnen und Lehrer über keine dienstliche E-Mail und auch über kein Endgerät verfügen. Im Jahr 2020: Würde ein Unternehmen so arbeiten, wie das Land Berlin im Bereich Bildung mit den eigenen Angestellten umgeht, würde es keine zwei Monate überleben. Das ist nicht nur eine Frage der Herstellung der Arbeitsfähigkeit, es ist auch eine Frage der Wertschätzung. So kann es in puncto Wertschätzung für Lehrerinnen und Lehrer in Berlin nicht weitergehen.

Zur Wertschätzung gehört auch, ausreichend Fortbildung für die Lehrkräfte anzubieten. Wir brauchen endlich eine medienpädagogische Strategie im Land Berlin. Die fehlt noch. – Kein Wunder: Das zuständige Referat in der Bildungsverwaltung hat zwar elf Stellen, aber davon sind gerade mal vier besetzt. Wie soll das auch gehen?

Mich erschüttert noch ein anderer Punkt, der in der Fragestunde angeklungen ist, nämlich wie im Land Berlin mit dem Thema Datenschutz umgegangen wird. Wir haben zwar den Lernraum Berlin, aber die Datenschutzbeauftragte des Landes bemängelt, dass er nicht DSGVO-konform sei.

Zu anderen Themen, wie zum Beispiel zur Beschaffung von Geräten oder Einrichtungen von Dienst-E-Mails – so sagt sie –, wurde sie erst gar nicht befragt. Ich kann ja verstehen, oder wir haben uns ja schon fast daran gewöhnt, dass Sie die immer sehr guten Anregungen der FDP nicht hören wollen, aber dass Sie jetzt nicht einmal auf die eigenen Beauftragten des Landes Berlin hören wollen – sehr geehrte Frau Scheeres –, das ist doch wirklich erschreckende Beratungsresistenz.

Frau Senatorin! So erreichen Sie im Übrigen auch keine Akzeptanz bei Schulen und Familien in puncto digitalem Lernen. Die fragen sich nämlich: Was ist denn hier los, wenn das Ganze nicht datenschutzsicher ist? – Und deshalb erwarte ich von Ihnen, dass Sie diese Fragen umgehend klären und professionell werden.

Teilhabe an Bildung ist die entscheidende Gerechtigkeitsfrage unserer Gesellschaft. Der Staat muss jeder und jedem einzelnen den Zugang dazu ermöglichen, zu jeder Zeit, auch in Zeiten einer Coronapandemie.

Dabei spielt die Digitalisierung die zentrale Rolle. Deswegen muss die Digitalisierung der Schule endlich Priorität der Politik des Senats sein. – Das sind Sie, Frau Senatorin Scheeres, den künftigen Generationen schuldig.

Maren Jasper-Winter