Der Wert der beruflichen Bildung darf nicht durch die SARS-CoV-2 Pandemie gemindert werden. Deshalb müssen die wirtschaftlichen Auswirkungen auf Ausbildungsbetriebe eingedämmt, die berufliche Bildung sichergestellt und die Berufsorientierung gefördert werden. In der vergangenen Plenarsitzung haben wir als FDP Fraktion dem Abgeordnetenhaus von Berlin dazu eine Reihe konkreter Maßnahmen vorgelegt.

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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Viele junge Menschen schauen in diesen Tagen einer unsicheren Zukunft entgegen. Eine Umfrage des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks hat ergeben, dass jeder vierte Ausbildungsbetrieb im kommenden Jahr nicht dieselbe Anzahl Auszubildende im Betrieb aufnehmen kann – heißt: jedes vierte Friseurgeschäft, jede vierte Kfz-Werkstatt, jede vierte Bäckerei. Auch die betrieblichen Ausbildungsplätze sind in Berlin jetzt schon rückläufig.

Der Senat spricht oft davon, dass die berufliche Bildung und die Ausbildung mehr wertgeschätzt werden sollen. – Sehr geehrte Koalitionsfraktionen! Jetzt können Sie zeigen, wie ernst es Ihnen wirklich damit ist, denn wer jetzt nicht handelt und es versäumt, junge Menschen in Ausbildung zu bringen, der legt das Schwert an die Zukunftschancen einer ganzen Generation

Arbeitsmarktforscher befürchten langfristige Nachteile für die jetzigen Absolventen. Sie befürchten, dass die Arbeitslosigkeit dieses Coronakrisenjahrgangs auch dauerhaft deutlich höher sein kann als in den vergangenen Jahren. Das gilt es unbedingt zu vermeiden. Das müssen wir jetzt besprechen, vor der Sommerpause, denn wir wollen wissen, wie es mit unseren Azubis in dieser Stadt im August, wenn sie starten sollen, weitergeht. Leider kann ich nicht erkennen, dass der Senat diesen Blick für morgen hat, und das ist nicht zu verantworten.

Ehrlich gesagt gibt das, was wir heute Morgen von Senatorin Breitenbach zu diesem Thema gehört haben, auch nicht gerade Anlass zur Hoffnung. Sie sagt, wir sind nicht zuständig – der Bund! Wir müssen abwarten, wir haben noch nicht genug Zahlen. Und dann kommt sie mit der Idee einer Ausbildungsplatzumlage. Die schafft nun wirklich keine neuen Plätze und ist in der jetzigen Situation für die Wirtschaft nicht tragbar. Das hilft überhaupt nicht weiter.

Was uns Freien Demokraten wichtig ist: Wir brauchen jetzt flexible Lösungen gemeinsam mit den Ausbildungsbetrieben, um duale Ausbildungsplätze zu sichern. Wenn der Senat den Blick auf die Förderung von staatlichen vollzeitschulischen Ausbildungsplätzen verengt, dann ist das unseres Erachtens die falsche und vollkommen unzureichende Antwort. Wir sind uns darüber einig, dass dort, wo auch eine betriebliche Ausbildung möglich ist, sie der bessere Weg ist. Sie ist praxisnah, sie ist im Betrieb, und sie ist nah am Arbeitsmarkt. Wir sollten deshalb gemeinsam alles daransetzen, den jungen Menschen diesen Weg offenzuhalten.

Deshalb schlagen wir Ihnen in unserem Antrag vor, den Berufsschulstart in den Branchen, die besonders von der Pandemie betroffen sind, auf Februar zu verschieben. So geben wir den Ausbildungsbetrieben Luft zum Atmen. Die Unternehmen können jetzt in dieser schwierigen Situation nicht unmittelbar entscheiden, ob sie junge Menschen ausbilden können. Der Senat hat letzte Woche im Bildungsausschuss gesagt, das sei organisatorisch nicht möglich. Ehrlich gesagt: In der Pandemiesituation haben wir uns alle, jeder und jede von uns, im Alltag organisatorisch umgestellt. Wir haben das alle gemacht, und ich erwarte auch vom Senat, dass er diese organisatorische Änderung vornimmt, um mehr duale Ausbildungsplätze zu schaffen.

Nicht nur sinkende Ausbildungsplatzzahlen sind ein Problem für die Berlinerinnen und Berliner, auch umgekehrt ist das der Fall, denn gleichzeitig haben wir in Berlin zurzeit noch 7 359 offene Lehrstellen. Ich kann also nur alle jungen – oder auch älteren – Leute auffordern, sich zu bewerben – es gibt noch freie Stellen – und dies wirklich in Betracht zu ziehen. Leider sehen zu wenig junge Leute eine berufliche Ausbildung für sich als Chance.

Damit kommen wir zum eigentlichen Problem. Gerade jetzt muss die Berufsorientierung besser funktionieren. Leider ist es ausgerechnet jetzt so, dass die Ansprechpartnerinnen und -partner in den Jugendberufsagenturen nicht vor Ort sind. Das kann nicht sein, da muss Abhilfe geschaffen werden; wir brauchen eine funktionierende Berufsorientierung.

Klar ist auch: Nicht alle Probleme sind auf die Coronapandemie zurückzuführen. Gerade bei der Digitalisierung der Berufsschulen hat der Senat in den vergangenen Jahren gelinde gesagt zu wenig getan, zu wenig Fortschritte gemacht. Übrigens: In der neuesten IHK-Umfrage, was die Unternehmen sich wünschen, ist an Platz eins zurzeit der Wunsch nach besseren digitalen Angeboten für die Auszubildenden in Berufsschulen. Leider erkennen wir: Die OSZ sind vielfach weder mit WLAN noch mit Breitbandanschlüssen ausgestattet. Der Senat muss endlich aus seinem netzpolitischen Tiefschlaf aufwachen, so geht das nun wirklich nicht weiter.

Kurzum: Ich erwarte von Ihnen, vom Senat, dass Sie im Dialog mit den Betrieben alle Möglichkeiten besprechen, alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um das Ausbildungsangebot zu sichern. Leider mussten wir im Ausschuss für Arbeit und Soziales, aber auch im Bildungsausschuss letzte Woche erfahren, dass Ihnen noch nicht einmal die Zahlen, die aktuelle Lage zu den Auswirkungen auf die Ausbildung in Berlin vorliegen. Sie vertagen nicht nur wichtige Fragen, die sich zum Ausbildungsbeginn im August stellen, Sie gefährden auch die Zukunftschancen einer ganzen Generation. Das können wir nicht zulassen.

Maren Jasper-Winter