Als FDP Fraktion Berlin wollen wir alle vollzeitschulischen Ausbildungsgänge in Berlin überprüfen, denn auch die berufliche Bildung verdient die volle Aufmerksamkeit der Politik. Nur so können Probleme erkannt und angegangen werden. In der vergangenen Plenarsitzung debattierten wir dazu den entsprechenden Antrag: „Für eine Reform der beruflichen Bildung: Evaluation der Anschlussfähigkeit der Ausbildungsgänge“. Im Video seht mir meine Einbringungsrede. Der Antrag wurde nach der Debatte in die Ausschüsse verwiesen.

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Alle Menschen haben eine berufliche Perspektive verdient. Dafür braucht es das Bekenntnis zur Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, dass jede und jeder eine Chance hat, ganz unabhängig von Herkunft und Engagement der Eltern.

Nur wenn der Zugang zu Bildung allen offensteht, können wir das Zukunftsversprechen gegenüber jungen Frauen und Männern auch einlösen. Darum ist die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung für uns Freie Demokraten mehr als nur ein Lippenbekenntnis.

Wir brauchen ein vielfältiges Bildungsangebot. Nur so können wir den ganz individuellen Begabungen und Interessen aller Menschen gerecht werden.

Der Senat teilt eigentlich dieses Selbstverständnis – zumindest steht es so im Koalitionsvertrag. Die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung ist eben eine Frage der Wertschätzung. Wenn junge Menschen sich frei für einen beruflichen oder akademischen Ausbildungsgang entscheiden sollen, dann geht es um drei Punkte: erstens Wertschätzung aller Bildungswege, zweitens die Anschlussfähigkeit an den Arbeitsmarkt und drittens um die Klarheit, welcher Bildungsweg eigentlich in welchen Beruf führt, und da habe ich viele Fragezeichen.

In Berlin befinden sich zurzeit 93 195 junge Menschen auf dem beruflichen Bildungsweg. Sie bereiten sich in den Oberstufenzentren und Berufsschulen der Hauptstadt auf ihr Berufsleben vor. Doch wohin führt sie dieser Weg, und wie gut sind sie auf das Berufsleben vorbereitet? Wie gut passt die jeweilige Ausbildung zu den persönlichen Interessen und Begabungen? – Diese Fragen sind aktuell nicht ausreichend beantwortet. Wir beobachten in Berlin zum einen, dass junge Menschen mit im Durchschnitt 21,6 Jahren eine berufliche Ausbildung beginnen. Hier vergeht vom Schulabschluss bis zum Beginn der dualen Ausbildung viel Zeit. Zum anderen machen viele Schülerinnen und Schüler zunächst eine vollzeitschulische Ausbildung, um dann noch einmal eine duale anzuschließen.

Wir haben den Eindruck, dass sich einige junge Menschen einfach in Warteschleifen befinden, und das kann hier doch nicht das Ziel sein!

Deshalb fordern wir mit dem vorliegenden Antrag eine echte Bestandsaufnahme der vollzeitschulischen Ausbildungsgänge. Wir wollen mithilfe einer wissenschaftlichen Evaluation wissen, wie hoch die Abschlussquoten sind, inwiefern eine Anschlussfähigkeit an den Arbeitsmarkt gegeben ist und ob es unnötige Doppelstrukturen zwischen schulischer Ausbildung einerseits und dualer Ausbildung andererseits gibt, die den Eintritt in den Arbeitsmarkt verzögern. Dabei möchten wir auch diejenigen zu Wort kommen lassen, die man bisher kaum befragt: Schülerinnen und Schüler. Was hat sie dazu bewegt, einen bestimmten Ausbildungsgang zu wählen? Und vor allem: Was hat es ihnen gebracht?

Verstehen Sie mich nicht falsch! Wir stehen nicht für die Abschaffung vieler vollzeitschulischer Ausbildungsgänge per se. Wir wollen eine Vielfalt im System erhalten – aber natürlich dort, wo es Sinn macht. Das ist jetzt alles nicht neu. Sie denken sich vielleicht: Warum ist der Antrag denn nötig, wo es doch ein Projekt ProWebeSO gab, das sich jahrelang mit genau dieser Thematik befasst hat? – Das hat es. Aber zum einen werden die Ergebnisse dieses Projekts vom Senat schlicht nicht umgesetzt. Der Senat hat uns letztens erklärt – halten Sie sich fest! –, dass sage und schreibe ein Ausbildungsgang nun genau unter die Lupe genommen wird. Das kann ja wohl nicht das Ergebnis eines Reformprozesses sein!

Zum anderen beobachten wir, dass es auch einen Stillstand der Diskussion innerhalb der Sozial- und Wirtschaftspartner, OSZ und der Verwaltung gibt, und dass die unterschiedlichen Erwartungen hier einfach dazu führen, dass man nicht vorankommt und sich einigt.

Deshalb brauchen wir eine neutrale, wissenschaftliche Stelle, die den Blick aller Akteure berücksichtigt und zu einer Gesamtbetrachtung der Situation zusammenführt. Erst wenn das geschehen ist und die Interessen ausgeglichen sind, können wissenschaftlich fundierte und zugleich praxistaugliche Empfehlungen an die Politik formuliert werden. Nur auf einer solchen Grundlage kann der Reformstau endlich gelöst werden.

Wenn gelten soll, dass niemand verloren gehen darf, dann müssen wir daran jetzt etwas ändern. Die berufliche Bildung in Berlin braucht endlich Klarheit, Anschlussfähigkeit und echte Wertschätzung, und hierfür machen wir heute einen ersten Schritt.

Maren Jasper-Winter