In der Plenarsitzung vom 27. September 2018 brachten die Regierungsfraktionen einen Antrag zur Förderung von Frauen in technischen Berufen ein. Meinen Redebeitrag für die FDP-Fraktion findet ihr sowohl im Video als auch verschriftlicht hier:

Sehr geehrter Herr Präsident /Frau Präsidentin,

sehr geehrte Damen und Herren,

Liberale fühlen sich dem Gebot der Chancengerechtigkeit von Frauen und Männern verpflichtet. Wer sich frei entfalten will, braucht gerechte Möglichkeiten hierzu – unabhängig vom Geschlecht. Wir erkennen an: Frauen werden in vielen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Bereichen strukturell diskriminiert – und sei es nur durch ihre geringe Anzahl und schlechter bezahlten Jobs.

Die geschlechterstereotype Verteilung von Berufen und Tätigkeiten ist dabei eine große Herausforderung: Sie hat eine ungleiche Verteilung von Chancen und Risiken im Lebenslauf zur Folge. Dies drückt sich zum Beispiel   in geringeren Entgelten, schlechterer eigenständiger Absicherung und Altersvorsorge und geringen Anteilen in Führungspositionen aus.

Die Berufswahl entscheidet darüber, welche Chancen und Risiken eine Person im Lebensverlauf erhält – oder nicht erhält. Daher ist eine kompetente Berufsberatung erforderlich, aber auch Role Models, die gerade junge Frauen begeistern.

Die BVG-Chefin Sigrid Nikutta beschreibt in einem Interview: Obwohl sie mittlerweile jahrzehntelang in einem technisch-geprägten Beruf arbeitet, wird sie immer wieder mit ihrem Studium der Psychologie verbunden. Wie kam sie also dazu zu ihrem Fach? Ihre Antwort ist so lapidar wie vielsagend – ich zitiere: „Ich kannte keine Frau, die Ingenieurin war oder Technikerin. Ich kannte nur Psychologen. Also habe ich Psychologie studiert.“

Ihr heutiger Rat an junge Frauen bei der strategischen Ausbildungs- und Berufswahl überrascht daher wenig: was Technisches und etwas, wo wenig Frauen sind.

Hilft jetzt der hier vorliegende Antrag dabei, mehr Frauen in technische Berufe zu bringen? Die Zielsetzung des Antrag ist im Grundsatz richtig, aber im Detail verrät er, dass es an einer passenden Strategie fehlt.

Seit bald zehn Jahren existiert die Reservierungsquote, verändert hat sich nichts. Die Reservierungsquote kann nicht funktionieren, weil sich insgesamt für technische Berufe zu wenig Frauen überhaupt bewerben. Die Reservierungsquote steht symptomatisch für gut gemeint und schlecht gemacht.

Gott sei Dank haben die anderen aufgeführten Maßnahmen in dem Antrag mit der Reservierungsquote weiter nichts zu tun und enthalten zwar sehr allgemeine aber brauchbare Ideen zur Motivierung von Frauen.

An einer Stelle provoziert der Antrag jedoch zum Widerspruch und deshalb wollen wir diesen Punkt ändern. Sie fordern “frauen- und mädchenspezifische Flyer”. Wenn ich das mal so sagen darf: Geschlechterklischees werden nicht aufgelöst, indem man rosa Flyer mit Einhorn verteilt! Junge Frauen wollen – und sollen – für technische Berufe auf Augenhöhe mit den jungen Männern angesprochen werden. Das belegen Studien. Und das gebietet der Respekt!

Statt altbackener Flyer sollten wir zeitgemäß denken: Wir Freie Demokraten schlagen vor, für die Berufsorientierung Social-Media-Kampagnen zu entwickeln oder auch Online-Spiele sog. “Serious Games” einzubeziehen.

Am wirkungsvollsten sind geeignete Vorbilder, die aus ihrem Alltag in technischen Berufen berichten. Machen wir doch das, was es in anderen Ländern schon gibt, auch in Berlin. Schicken wir Ausbildungsbotschafterinnen in die Schulen. Junge Frauen, die gerade in einer technischen Ausbildung stecken, können schließlich am besten andere für ihren Lebensentwurf begeistern. Trauen wir den jungen Frauen doch etwas zu. Ihnen kommt es auf den Inhalt an und nicht die Verpackung.

Beschließen wir gemeinsam wirkungsvolle Maßnahmen, die für mehr Bewerberinnen sorgen, damit wir endlich mehr Frauen in technischen Berufen haben.

Maren Jasper-Winter